Lange Beine - Ein halber Tag ohne Lügen by Philipp Haeberlin

Ich stehe auf und mache mir meinen Morgenkaffee. Aus dem Nachbarzimmer werde ich wie jeden Morgen gefragt, ob ich Lust habe meinem Mann ebenfalls einen zu machen. „Nein! Keine Lust.“ Ich gehe ins Bad. Er steht da und frisiert sich seine Haare, fragt mich, ob sie so gut aussehen. Hat er doch heute einen wichtigen Termin. „Nee, eigentlich nicht, denn sie sind dünn und du wirst bald eine Glatze kriegen und die Hose passt im Übrigen auch nicht zum Hemd.“ Ich gebe ihm einen Kuss und verlasse das Haus. Auf dem Weg zur Arbeit fragt mich ein Obdachloser, ob ich etwas Kleingeld übrig hätte. „Ja, habe ich, aber ich möchte es dir nicht geben, da du etwa nur 10 Jahre älter, fit und somit noch voll arbeitsfähig bist. Das Problem liegt darin, dass du zu faul bist, morgens früh aufzustehen und da ich mich auch jeden Tag überwinde, kannst du das ebenso tun. Also: Nein!“ In der U-Bahn werde ich gefragt, ob ich eine Zeitung kaufe. „Nein danke. Sie interessiert mich einfach nicht und außerdem riechst du so unangenehm, dass ich Angst habe, mich mit irgendwas anzustecken, sobald ich eine der Zeitungen in den Händen halte.“ An der nächsten Haltestelle steigt ein Junge mit Saxophon und Kassettenrekorder zu, trällert mir viel zu laut und schief ins Ohr. Ohne Saxophon wäre es deutlich besser. Anschließend hält er mir einen Becher mit der Aufforderung einer Spende unter die Nase. Ich schüttel den Kopf und sage ihm: „Du spielst jeden Morgen das gleiche und dann auch noch falsch. Außerdem kann ich ebenso meinen Kassettenrekorder rausholen. Welches Talent also soll ich honorieren?!“ Als ich im Büro ankomme, begegnet mir meine Kollegin mit neuer Frisur und schwenkt, voller Erwarten auf das Kompliment, mit ihrem Kopf wie ein Wackeldackel. „Ah ja. Ich soll etwas zu deiner neuen Frisur sagen! Du warst beim Friseur! Der neue Haarschnitt steht dir nicht. Passt aber wiederum zu deiner Brille, die ebenso ungeeignet ist. Aber das größte Problem sind deine Augenbrauen, die völlig falsch gezupft und dadurch viel zu weit aus einander liegen.“ Ich widme mich dem Kaffeevollautomaten. Melanie, die Empfangsdame nähert sich derweil. Sie ist wie immer emotional und wehleidig. Wieder erzählt sie mir, was schlimm ist. Alles. Diesmal unterbreche ich sie jedoch mitten im Satz: „Melanie, du hast immer schlechte Laune und beschwerst dich immer über das Selbe: Dein Leben. Dann kündige doch. Und nimm ab, wenn dich allein schon der morgendliche Blick in den Spiegel deprimiert. Aber ich möchte nicht weiter zuhören, denn es interessiert mich nicht.“ Ich sage, dass es mir nicht leid tut, nehme meinen Kaffee und gehe. Mir kommen drei Kollegen auf dem Flur entgegen, die mir alle einen guten Morgen wünschen und mich im Vorbeigehen fragen, wie mein Wochenende war. Ich bleibe stehen: „Ach wisst ihr was? Es war wirklich furchtbar, ich hatte starken Durchfall, da ich beim Syrer essen war und das scharfe Essen nicht so gut vertragen hab. Ansonsten habe ich meine Wohnung geputzt, weil ich das die letzten zwei Wochen nicht geschafft habe. Sah furchtbar aus.“ Sie gehen weiter Richtung Kaffeemaschine. Ich rufe hinterher, dass sie die Bohnen auffüllen müssen, da ich zu faul dafür war. An meinem Schreibtisch angekommen, klingelt direkt das Telefon. Eine Dame des Verbraucherbundes möchte mich zum Thema Frauenquote befragen. Ob ich eine Minute Zeit hätte. „Nein, habe ich nicht. Außerdem dauert es länger als eine Minute und ich muss dringend meinen Tampon wechseln, denn der zwickt mich schon den ganzen Morgen. Und: sprechen Sie bitte in einer Frequenz, die nicht nur von Fledermäusen und Walen zu verstehen ist. Tschüüüß.“ Ich lege auf und laufe zur Toilette. Mir kommt eine Kollegin von der einzig freien Kabine entgegen. Es stinkt. „Was stinkt das hier so beißend!!! Hatten sie heute Morgen etwa schon Cevapcici?!“

An diesem Punkt habe ich die längsten Beine. Und rote Ohren. Ich schäme mich, bin unglücklich und fühle mich furchtbar. Gleiche ich doch einem asozialen Monster. Gleichzeitig merke ich, wie schlecht gelaunt ich bin. Denn ich trete Menschen nicht nur auf den Schlips, sondern trete auf ihrem Selbstwertgefühl herum. Ich stampfe förmlich. Und ich arbeite gegen meine Erziehung. Denn mir wurden Werte mitgegeben und ich habe gelernt höflich zu sein. Man muss nicht immer die Wahrheit sagen. Und vor allem muss man nicht alles zu ernst nehmen. Kleine Alltagslügen machen glücklich und können kleine Alltagsfreuden bescheren. Was bedeutet schon die subjektive, nebensächliche Wahrheit? Ich mag meine kurzen Beine!

© Merle Collet

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Ich sehe was, was du nicht siehst. by Philipp Haeberlin

Wenn ich diese Geschichte erzähle, strömt Wärme in mir auf, die sich durch rote Flecken in meinem Gesicht abzeichnet. Die merke ich. Es kribbelt dann ganz leicht auf meinen Wangen.


Ich möchte mich mitteilen, eine Erfahrung mitteilen, die prekär und in meinem Alltag allgegenwärtig ist. Es als Kopfkino zu bezeichnen, wäre nicht im Ansatz die richtige Bezeichnung, denn es gleicht eher einem ganzen Filmfestival mit gleichzeitig stattfindender Varietéshow. Ich nasche von ihr wie von einem selbst gebackenen, noch warmen Pflaumenkuchen mit frischer Schlagsahne.


Ich bin seit sieben Jahren blind. Seit meinem 13. Lebensjahr. Eine schleichende, unentdeckte Entzündung meiner Netzhäute wurde mir zum Verhängnis. Es ist genau zu dem Zeitpunkt passiert, als ich dachte, es würde jetzt erst richtig spannend in meinem noch so jungen Leben. Statt pubertärer Unabhängigkeit, war da plötzlich eine ganzheitliche Betreuung meiner Eltern. Statt Bolzplätzen und Mittelstufenpartys besuchte ich Schulungen und Seminare, um mich in der neuen, dunklen Welt zurecht zu finden. Zwangsläufig führt das zu Einsamkeit. Man weiß, dass die Mitschüler es nicht absichtlich machen. Nein, sie geben sich sogar Mühe, den Behinderten immer wieder zu integrieren. Aber, wenn man die Möglichkeit hat zu sprinten, dann wartet man nicht auf den Blinden mit dem Krückstock. Wenn es auch ohne den Schwächsten in der Gruppe funktioniert, dann positioniert man sich neu und gründet eben neue Gruppen.


Ich hatte Angst, aber ich hatte auch meinen Stock, meine sechs Sinne und meine Phantasie. Und die Erinnerungen an Farben und Orte. Aber die verschwammen mit der Zeit so wie es Urlaubserinnerungen tun. Also musste ich das inhalieren und vergegenwärtigen, was ich sonst wahrnehmen konnte. Riechen, fühlen, hören, schmecken. So entstand Schritt für Schritt eine neue facettenreiche Welt - eine neue Manege mit vielen Attraktionen. Abends brach diese trotzdem oftmals zusammen. Ruckartig. Wenn ich nur die Matratze, das Laken und die Daunendecke spürte und tief im Inneren die einsame schwarze Welt an meinem Ego kratzte. Es war ein sehr lautes Kratzen, das alles andere übertönte. Und jeder Sinn erübrigte sich in endloser Schwärze.
Gegen diese Schwärze versuchte ich immer wieder anzukämpfen. Meiner Familie, aber vor allem auch mir zu Liebe. Und ich bin froh, dass ich tapfer entgegen des Selbstmitleids schwamm, nicht darin unterging und mir immer wieder kleine Rettungsringe bastelte.
Das schöne war, dass ich jetzt Strom sparte. Ich brauchte keine Glühbirne mehr, sondern vielmehr meine Erinnerung und viel Vertrauen.
Ich mochte es neue Türen zu öffnen, aber ebenso alte zu schließen. Mir begegneten unzählige Dinge, die ich für mich kultivieren konnte und so versah ich beispielsweise auf eigene Faust alle Haushaltsgegenstände mit Blindenschrift. So konnte ich mir meinen Kaffee morgens selber kochen, zum richtigen Messer greifen, um mein Brötchen aufzuschneiden und mein Ei im Eierkocher exakt pflaumenweich werden lassen. Im übertragenen Sinne kann ich sagen, dass mir der kleine Orientierungspunkt auf der „5“ einer Fernbedienung nicht genügte, ich wollte alle Tasten markieren und benutzen. Meine Familie und die zwei Freunde, die mir blieben, machten sich zwischenzeitig Sorgen um mich, dachten an falschen Enthusiasmus und warteten schon auf meinen völligen Zusammenbruch. Glücklicherweise musste ich sie damit enttäuschen.
Man konnte meine Neugier durchaus falsch verstehen, aber für mich war sie die beste Therapie. Ich hatte eine Statik geschaffen, die dem komplizierten, schwarzen Fundament meiner kleinen Welt trotzte.

Nachdem ich dann siebzehn geworden war, wurden die schwarzen Momente vor dem Einschlafen wieder häufiger. Meine Gedankenkreise hinderten mich daran, sorglos einschlafen zu können. Diese devote Phase begann, als Wörter wie Liebe, Beziehung, das erstes Mal… den Wortschatz des Klassenzimmers prägten. Und meine abendlichen Gedanken fixierten immer mehr die Frage, ob ich jemals ein erstes Mal erleben würde, beziehungsweise wie es jemals dazu kommen sollte. Meine Hand hatte ich ehrlich gesagt satt. Pornos konnte ich nicht gucken, aber sie interessierten mich auch nicht. Immer mal wieder erwog ich, mir ein erotisches Hörspiel runterzuladen, fand die Vorstellung es zu hören dann jedoch unglaublich peinlich. Mein Wunsch mit einer Frau zu schlafen, wurde dabei immer größer. Wollte ich doch immer das machen, was alle anderen in meinem Alter so machten. Zwar ohne Augen, aber mithilfe kleiner Zaubertricks. Das, was mir bisher im Alltag gelang, musste doch auch hier möglich sein. Bestimmt würde es sich irgendwann ergeben, aber ich wollte nicht warten. Also setzte ich mich an meinen Computer und gab „Callgirl“ und „Escort-Service“ in die Suchleiste meines Browsers ein. Meine Hörfunktion sabbelte mir währenddessen unangenehmste Beschreibungen vor, die nicht im Ansatz meinen Vorstellungen entsprachen. Mir war bewusst, dass die Dame, mit der ich mein erstes Mal erleben würde, dies nicht aus Nächstenliebe machen würde, sondern, weil ich sie dafür bezahlte.
Nach unzähligen Einträgen fand ich dann „Sam“- Selbstständig, sicher und sorgenfrei“. So viel seriöse Alliteration kennt man sonst nur aus der Werbung für Bausparverträge, dachte ich. Aber irgendwie überzeugte sie mich. Vielleicht auch, weil sich beim Öffnen der Seite nicht gleich zehn Popup-Fenster mit primitiven Gestönte öffneten. Ich war plötzlich aufgeregt und entschloss mich ihr zu schreiben.
Trotz allem war es wichtig, dass Sam mich nicht für einen üblichen „Freier“ hielt. Ich schrieb ihr also eine knappe, detaillierte Zusammenfassung meines Daseins und formulierte fast schon rechtfertigend meinen Wunsch und die Rolle, die sie darin übernehmen sollte. Am Ende unterschrieb ich erst mit „Der Blindfisch“, entschied mich aber dann doch für meinen richtigen Namen: Lennart. Dann schickte ich die Mail ab. Aufgeregt. Ich sah vor meinem inneren Auge plötzlich Lichter aufflackern. Etwas Neues!

Jeden Morgen, Mittag und Abend kontrollierte ich meine Emails. Nach drei Tagen dann die Antwort: „Lieber Lennart, ich helfe dir gerne. Komm am Samstag um 20:00 Uhr zu mir in den Zirkusweg 3. Dritte Klingel von oben. Und schreib kurz, ob es dir passt. Viele Grüße, Sam“
„Samstag schon“ - mein erster Gedanke. Irgendwie überkam mich Freude, doch zugleich auch große Anspannung. Irgendwie auch Stolz, aber auch Angst. Ich erzählte es Niemandem. War ich letztendlich doch ein Kunde, der für Befriedigung bezahlte. Ich bestätigte ihr den „Termin“.

Samstag, der 4. Oktober. Mein Stock krazte in Halbkreisen über den Bordstein des Zirkusweg. Langsam. So langsam, dass ich anscheinend orientierungslos wirkte und ein Herr mir seine Hilfe anbot. Ich nahm sie an und er setzte mich vor der Hausnummer 3 ab. Ich dachte an die dritte Klingel von oben und ertastete sie sofort. Länglich und abgenutzt rau. Ich hielt kurz inne, drückte sie dann vor Aufregung gleich zweimal. Aus der Gegensprechanlage entgegnete mir ein blechernes „Ja? Lennart, bist du‘s?“ „Ja. Hi!“ „Warte kurz, ich hole dich ab!“ - Sofort konnte ich eilige Schritte im Treppenhaus vernehmen. Und dann öffnete Sie die Tür. Die Stimme, die eben noch so blechern klang, war plötzlich ganz samtig und weich. Ich schätzte sie auf Anfang Vierzig. „Hallo Lennart.“ „Mmmhm.“.

Sie nahm mir meinen Stock ab und nahm meine linke Hand fest in ihre. Sie führte mich ganz fürsorglich eine rundgeführte Treppe hoch. Die Stufen fühlten sich sehr schmal an. Dann ging es direkt in ihre Wohnung. Teppichboden hemmte unsere Schritte. Eine Tür fiel ins Schloss. Dann war es ruhig. Sam war ruhig und ich bemühte mich ebenfalls ruhig zu sein. Sie setzte mich auf dem Bett ab und ich glaube, ich muss wie ein rechtwinkliger Stock dagesessen haben. Mein Herz klopfte so aufgeregt, dass es sich dabei fast überschlug.
Plötzlich übertönte das Klopfen etwas, das wie ein auf den Boden fallendes Kleidungsstück klang. Das war es auch. Denn plötzlich griff sie meine Hände und legte sie an ihren Busen. Rund, weich, fest. Ich dachte an Vanillepudding aus meiner Kindheit, in dem der Löffel stehen blieb, wenn man ihn rein steckte und losließ. Die perfekte Konsistenz. Sie entkleidete mich. Auch hier mit einer Fürsorge, die ich so nie erlebt hatte. Ich spürte, wie nah sie mir plötzlich war. Ihr warmer Atem verursachte Gänsehaut in meinem Nacken. Dann legte sie uns hin. Nebeneinander und sagte, ich solle sie berühren. Zögerlich fing ich an sie zu entdecken und ertastete als erstes ihr langes, dickes Haar. Leichte Locken konnte ich vernehmen. Meine Hände tasteten jungfräulich weiter und dann begann sie mich zu streicheln. Überall. Es passierte alles sehr schnell. So spürte ich ihr Becken auf meinem - ihren weichen Po auf meinen Beckenknochen. Ganz plötzlich flackerten immer mehr Bilder vor meinem inneren Auge auf. Das Filmfestival mit Varieté-Show! Eines nach dem anderen. Dann parallel. Bilder, die ich vorher wohl nie gesehen habe. Es fühlte sich so schnell in meinem sonst so langsamen Leben an.
Der Akt an sich war nicht lang, aber das intensivste, das ich bisher erlebt habe. Wenn in der Kürze die Würze liegt, dann kann ich hier von einem indischen Gewürzmarkt sprechen. Dem größten Indiens.
Im Anschluss legte sie sich neben mich. Ich grinste und versuchte sie „anzusehen.“ Im selben Moment legte sie ihren Kopf mit ihren vielen duftenden, weichen Haaren auf meine Brust. Das hatte ich nicht erwartet. Und sie sagte, dass sie es schön fand. Wir unterhielten uns plötzlich so rege über viele Kleinigkeiten und wieder löste sie in mir ein Bilderbuch aus. Sie war so schön. Ihre Stimme war so schön. Und die Geschichten, die sie erzählte. Ich fühlte mich so leicht.
Am Ende meines Besuchs war der Tag einige Stunden ärmer und ich um eine gewaltige Leichtigkeit reicher. Ein Geschenk. Wir hatten uns immer wieder geliebt. Eine starke, bezaubernde Frau, die so samtig und so reif war.
Mich am Türrahmen festhaltend, suchte ich das Geld in meiner Jackentasche. Als ich es in meiner offenen Hand hielt und sie um ihre bat, um es dort hinein legen zu können, drückte sie meine Hand samt des Geldes wieder zu und bedankte sich. Sie wolle dafür nicht bezahlt werden. Sie fänd es schöner mich wiederzusehen. Sie entschuldigte sich noch, während sie „Wiederzusehen“ aussprach für ihre Wortwahl. Sofort unterbrach ich sie und sagte, dass diese vollkommen richtig sei. Dann flüsterte ich:
"Ich kann dich sehen!"

Lautpoesie by Philipp Haeberlin

In der S-Bahn sitzend, registriere ich neben quietschenden Rädern und knappen Unterhaltungen plötzlich ein Klackern. Nachdem meine Augen kurz das Abteil nach dem Ursprung dieses Übels absuchen, sehe ich, dass es von der Dame im Vierer neben mir stammt. Sie verfasst gerade eine Nachricht auf ihrem Smartphone. Zumindest versucht sie es, denn bunte Plastikkrallen behindern sie und verursachen dieses irritierende, aber fast schon allgegenwärtige Geräusch in der Berliner S-Bahn. Ein bisschen Haut braucht ihr Smartphone schon, um zu verstehen, was die minütliche Zudringlichkeit dieser türkisen, mit Glitzersteinchen besetzten Kreaturen bedeutet. Es wirkt, als würde sie einen ganzen Roman verfassen. Hochkonzentriert! Doch am Ende ist es vielleicht auch nur ein Satz über ihre weißen Stiefel.

Was schon beim SMS schreiben hinderlich ist, muss im Alltag ein echtes Handicap sein. An der nächsten Station steige ich aus. Vor meinem inneren Auge imaginiere ich folgende Schlagzeile: “Frau von Geschirrstapeln in eigener Küche erschlagen.”

©Merle Collet

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Analoger Dialog - Eine Kolumne by Philipp Haeberlin

Man erlebt etwas, das einem in dem Moment außergewöhnlich und ganz besonders erscheint und man möchte es festhalten. Ob Naturereignis, Straßenkünstler oder Konzert. Was sonst in einer imaginären Hosentasche voller Erinnerungen landete, landet heute meistens im Fotoalbum unseres Smartphones oder Tablets. Doch ist es dort so sicher aufgehoben wie in unserem kostbaren Erfahrungsschatz? Erinnern wir uns wirklich an das Ereignis oder sind es gefilterte und komprimierte digitale Bilder? Schauen wir doch in dem Moment durch eine 8 Megapixel-Kamera auf unserem Smartphone und nicht mehr mit den eigenen Augen auf genau das, was wir gerade erleben. Und genau das ist die Frage: Erleben wir wirklich noch? Erleben wir noch analog mit Herz und Verstand!?

Wir erzählen es weniger unseren Mitmenschen und der Familie, vielmehr teilen wir es mit den fiktiven Freunden im Sozialen Netzwerk. Und erzählen wir es doch, dürfen wir behaupten wirklich dabei gewesen zu sein? Und was werden wir unseren Enkeln erzählen? „Als ich jung war, sah ich den Sonnenuntergang vom Eifelturm aus durch mein Handy. Das Video habe ich leider nicht mehr.“ oder „Als ich jung war, gab es mal Spargel im Garten mit der ganzen Familie. Das sah gut aus. Hier ein Foto von meinem Teller damals.“ Statt Feuerzeugen sehen wir heute Displays von Smartphones auf Konzerten flackern.

Was wir verlieren ist die Atmosphäre, die das Glücksgefühl in uns auslöst. Anstatt den Moment zu beherzigen, greifen wir zu unserem Smartphone und verpassen den eigentlichen Augenblick und das Drumherum, das es so schön und lebendig macht. Doch das Reproduzierte birgt den Verfall der Aura der Naturerscheinung, den Walter Benjamin 1935 schon in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ manifestierte.
So schön praktisch es auch sein kann, alles schnell und einfach digital festzuhalten - Analog bereichert langfristig und birgt den wahren Dialog.

©Merle Collet

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Treffen sich zwei. by Philipp Haeberlin

Ich bestritt meinen ersten Fußmarsch des Tages unter kahlen Bäumen entlang, mit meinen Füßen durch deren goldbraunes Laub schlurfend. Das fördert Kindheitserinnerungen.
Dabei zählte ich unterbewusst die Schritte, die ich bis zu meinem heutigen Ziel benötigte. Und diese steigern sich vorzugsweise dann exponentiell, wenn man sich doch situationsbedingt eigentlich ein lineares Wachstum wünscht, das man damals auch schon im Matheunterricht bevorzugte, wenn es um’s erstellen eines Diagramms ging.

Mein heutiges Ziel war ein Besuch beim Hausarzt. So ein Besuch ist in Ordnung, wenn man eigentlich schon weiß, dass es die üblichen Verspannungen sind, die über die Nackenmuskulatur, auch bekannt als Musculus rectus capitis lateralis, zu diesem unangenehmen Mr. Kopfschmerzky führen. Dennoch gehe ich ungern zum Arzt. Sehr ungern. Und deshalb personifiziere ich meine Wehwehchen, versuche sie nicht zu ernst zu nehmen und entlasse sie auch gerne nach einer fast anonymen Tasse Tee. Bloß nicht bleiben. So sind sie besser unter Kontrolle zu halten und leichter zu vergessen.


Dem Betreten der beeindruckend geschmacklosen Praxis, in der Terracottawände und Eichenlaminat ein Gefühl von Krankheit nur so herbeiwinkten, folgte gleich ein klassisch unpersönliches Empfangstresengespräch:

"Name?"

"Lilith Loth."

"10€ für’s Quartal bekomme ich dann von Ihnen und dann nehmen Sie bitte noch einen kurzen Moment in unserem Wartezimmer Platz, Schwester Daniela wird Sie dann gleich aufrufen."

Wäre aber auch seltsam, würden Sie jeden fragen, wie es ihm geht. Das machen sie nur bei den älteren Damen. Diese hören auch das störende Klackern der Gelnägel auf der Tastatur nicht und verweilen daher etwas länger vor dem Tresen mit Plastiksonnenblume und Plastikgerbara.

Im Wartezimmer angekommen, empfand ich direkt erhöhte Luftfeuchtigkeit. Extreme Transpiration. Feuchtes Niesen und schweres Atmen neben mir, das an einen Wal im Zenit seiner Brunftzeit erinnerte, umzingelten mich fast schon rhythmisch.

Alles in Ordnung bei Ihnen? - dachte ich.

Etwas blass schaute der Herr neben mir nämlich drein. Schien dieser seine Wehwehchen wohl zum Teekränzchen geladen zu haben. Einen Augenblick lang erwiderte sein Blick den meinen.

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“ - fragte ich.

„Ja, ja -“

„Ja?“

„Ja.“

„Ja…“

Meine Hände bloß im Schoß behaltend beobachtete ich eine Dame, die ganz motiviert den bakteriell verseuchten Illustriertenhaufen durchwühlte - die Teeparty für Krankheiten. Ich hatte schon Angst, die Bakterien würden diesen Haufen gleich selbstständig raustragen.

„Bei dir?“ summte er fast.

„Ja, Verspannungen, durch schlechte Körperhaltung, wenig Schlaf, deshalb Kopfschmerzen.“ Ich bin gerne konkret.

„Warum dann ein Arztbesuch?“

„Bitte..!?“

„Na..“

„Na ja, man -“

„Streng genommen brauchst du ja eigentlich nicht mehr zum Arzt zu gehen, wenn du die Diagnose schon kennst. Eigendiagnostik dank Internet? Netdoktor? Da bist du aber gut davon gekommen. Sicher, dass du nicht doch schwanger bist?!“

„-“ Er hatte ja recht!!

Entschuldigend grinste er, sich seines saloppen Vortrags bewusst.

„Sie haben ja recht, aber es sind sicher nur die Verspannungen. Für eventuelle Schwangerschaft fehlen mir Übelkeit, ein schmerzender Busen, empfindliche Brustwarzen und na ja, vielleicht dann der Bauch.“ Ich mochte ihn und seine Aufsässigkeit.

„Bei mir kamen nur Ergebnisse für Prostatakrebs. Wird schon hinkommen.“

„Ach. Na ja, da ich keine Prostata besitze, kenne ich mich leider nur in den Expertenforen für Gebärmutterhalskrebs aus.“

Eine humorvolle Attraktion saß da im Rattanstuhl mit seinen ca. 56 Jahren neben mir. Leicht ergraut und in seiner ganzen Reife. Und ich mit meiner naiven Jugend neben ihm.


„Robert Kanzel, bitte!“ Das war er. Und sein Aufruf war Dank der penetranten Stimme von Gelnagelschwester Daniela kaum zu überhören.

„Viel Glück dann!“

„Danke… mh-“

„Litith!“

Er trotze sich selbst, er lächelte mir zu. Ich ihm ebenso. Mit einem „wird schon“ in Gedanken, entließ ich ihn mit meinem zuversichtlichen Blick durch die Milchglastür.
Und da war doch so was wie ein Funken Angst. Die sah ich ihm nämlich unter seiner halb geöffneten, dunkelblauen Jacke an. Da war sie ganz klein versteckt. Die typische, „zugeschnürte Brust“.
Und augenblicklich überkam mich dieses Interesse an einem Menschen, den ich an einem meiner so verhassten Orte kennenlernte. Würde ich eine Rangliste über die furchtbarsten Orte für’s Gefühl führen, läge das Wartezimmer sicherlich unter den führenden Positionen. Gleich zwischen Kernspintomograf und Dixi Klo. Das Wartezimmer eines Arztes ist nicht nur die Verschwendung meiner kostbaren Lebenszeit, sondern auch die Pforte zu einem Gefühl, dass ich mit der Farbe Aschgraubeige verbinde.

Besonders jetzt, nach dem ich seine Diagnose kenne.

© Merle Collet

http://www.youtube.com/watch?v=56c5h88H4L0

Zwei Grashalme. by Philipp Haeberlin

Auf einer Wiese nebeneinander. Sie wollten sich näher kommen, doch es trennten sie ganze 4,58 Zentimeter. Wären die nicht da, würden sie sich umschlingen. So hofften sie, dass wenigstens ihre Schatten sich kreuzten. Und es geschah. Ganz am Endes des Tages, da die Sonne sank. Alles lag, für die Nacht bereit, im tropfenreichen Tau. Und da war keine Wolke am Himmel und die Sonne glänzte golden. Da wuchs ganz leicht der Schatten des einen auf den anderen Halm, schlug sich nieder und da war die Berührung und sie waren eins und merkten, dass es das selbe gänzliche Gefühl wie immer war, da sie die selbe Wurzel teilten.

© Merle Collet

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The Saver by Philipp Haeberlin

Am anderen Ende der Leitung entgegnet mir eine prägnante Frauenstimme: „Diese Rufnummer ist nicht vergeben.“ Schade. Nicht nur für mich. Es betrifft die gesamte Damenwelt. Die Visitenkarte mit der darauf in American Typewriter gedruckten Telefonnummer auf meinem Schreibtisch ist dennoch nicht wertlos. Sie erinnert mich. Am Wochenende werde ich einen passenden Rahmen dafür finden und das Ganze an meine Wand der kleinen Kostbarkeiten hängen. Wahrscheinlich zwischen das Bild, das mein Freund von mir machte, nachdem ich mir mit dem Käsehobel gute zwei Zentimeter Hand weggeraspelt hatte und mein kleines „Bambi“ - ein 12x12cm großes Ölporträt eines Rehs auf Leinwand, das eher einem Alien gleicht. Kategorie der extra exquisiten, masochistischen Erinnerungen.

Diese Visitenkarte hat diesen Platz verdient. Diesem Mann und der Erinnerung an ihn gebührt dieser Platz.

Auf der Visitenkarte sieht man „The Saver“ - wie er sich selbst titulierte. Unverhüllt. Auf seinen Schultern trägt er eine Frau. Ebenfalls unbekleidet. Betäubt anmutend. Er hält sie, trägt sie, balanciert sie durch einen Knöchelhohen Bach zwischen dunklen Felsen. Ein Bild, das nicht adäquater gewählt sein könnte. Der Penis wurde nachträglich durch eine Schwärzung gekürzt. Warum auch immer. Ich sehe es beim genauen Hinschauen.

„The Saver“, bürgerlicher Name Gordon K.. Ich durfte ihm zu der Zeit begegnen, als man am anderen Ende der Telefonleitung mit einem sanften, aber beiläufigen Ausatmen begrüßt wurde. „The Saver, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“. Britischer Akzent.

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„Ich | Ich möchte Sie erleben. Ich bin Mademoiselle M., wenn Sie ‘The Saver’ sind.“ Ich vernahm ein behutsames Grinsen. Anschließend teilte er mir Zeit und Ort mit. Ein Zimmer in der Vagantenstraße. Passend, wie ich heute weiß.

Eine schwarz lackierte, edle Haustür, daneben eine runde, goldene Klingel, in der Mitte ihr kleiner runder Knopf. Meine Hand spiegelte sich in ihr und zögerte bis sie schließlich drückte. Grelles Läuten. Ich lies los. Tür auf.

Dunkelbraune, gut geföhnte Locken, tiefbraune Augen, hohe Kieferknochen. Schlank groß und ein standhafter Blick. Er bat mich herein. Roter Teppichboden, warme Leuchten an den Wänden. Art déco. Stuck an der Decke, ein langer Flur, am Ende eine geöffnete Flügeltür. Eine Art Salon dahinter. Chaise lounge in Senfgelb, Sessel, bodenlange, geschlossene, beige Vorhänge. Wir saßen und schauten einander an. Im Hintergrund eine ruhige Symphonie von Georges Bizet. Kannte und mochte ich. In seiner Ästhetik ein formvollendeter Liebreiz. Er nahm mich an die Hand. Ich habe ihn erleben dürfen und mich nie wieder so gefeit und begehrt gefühlt.

„The Saver“ ist ein aparter Mann, der sich nicht mit Buchstaben auf Papier beschreiben lässt. Ich kann es nur versuchen, aber das Gefühl ist eine Erfahrung. Kleinste Momente dieses Gefühls ließen sich vielleicht meinen Augen ablesen, wenn ich davon erzähle. Aber ich erzähle nicht davon. Es ist meins. Ich erzähle von ihm. Wieder an den Anfang. „The Saver“ ist ein Geheimnis. Er ist eine durch Gordon K. geschaffene Person, die sich würdevoll an die Frau schmiegt, sich dafür bezahlen lässt, sie darüber hinaus jedoch verehrt. Der Retter. Seine Visitenkarte zu besitzen ist exquisit und doch ein Zufall. Die, die sie bekommen und die Telefonnummer wählen, dürfen ihm auch begegnen. Er selektiert nicht im Nachhinein. Er scheint gelenkt von Leidenschaft und Courage. „Drei Mal die Woche, fünf Mal im Monat. Das ist ein Schicksal, das er nicht bestimmen möchte.“ sagte er beiläufig, nachdem ich ihn circa 30 Minuten zuvor danach gefragt hatte. „Es passiert.“ Er spricht nicht viel und das ist das besondere an diesem Dialog. „Aber es passiert nur einmal. Mit ein und der selben Frau.“ Im Anschluss reicht er einen langen, dünnen Mantel aus weißer Seide. Er trägt den gleichen in grau. Dann verlässt er den Raum und bringt, in der rechten Hand, ein alkoholisches Getränk und, in der linken Hand, einen Zettel in einer schwarzen Kladde. Er bittet um Unterschrift. Darüber der Betrag. Ganz sanftmütig. Beide. Das Einverständnis. Er lebt davon. Von den Frauen und von ihrem Geld. Das ist eine nette Unterstellung meinerseits, denn er darf das. Er ist unsere Rettung und er ist unverbindlich und ein gutes Gefühl, das manchmal nötig ist, wenn man eine Erinnerung braucht, um die Gegenwart zu verdrängen. Er ist wie ein guter Wanderzirkus, den man als Kind irgendwann mal besucht hat und schon während man noch auf der Zuschauertribüne saß, wusste, dass man genau diesen Zirkus nur einmal in seinem Leben sehen wird. Er ist weitergereist. Wahrscheinlich in eine Großstadt. Vielleicht Europa, vielleicht war es auch ein Interkontinentalflug. Er ist gegenwärtig. Die Frau auf der Visitenkarte bin ich.

 

© Merle Collet