Analoger Dialog - Eine Kolumne / by Philipp Haeberlin

Man erlebt etwas, das einem in dem Moment außergewöhnlich und ganz besonders erscheint und man möchte es festhalten. Ob Naturereignis, Straßenkünstler oder Konzert. Was sonst in einer imaginären Hosentasche voller Erinnerungen landete, landet heute meistens im Fotoalbum unseres Smartphones oder Tablets. Doch ist es dort so sicher aufgehoben wie in unserem kostbaren Erfahrungsschatz? Erinnern wir uns wirklich an das Ereignis oder sind es gefilterte und komprimierte digitale Bilder? Schauen wir doch in dem Moment durch eine 8 Megapixel-Kamera auf unserem Smartphone und nicht mehr mit den eigenen Augen auf genau das, was wir gerade erleben. Und genau das ist die Frage: Erleben wir wirklich noch? Erleben wir noch analog mit Herz und Verstand!?

Wir erzählen es weniger unseren Mitmenschen und der Familie, vielmehr teilen wir es mit den fiktiven Freunden im Sozialen Netzwerk. Und erzählen wir es doch, dürfen wir behaupten wirklich dabei gewesen zu sein? Und was werden wir unseren Enkeln erzählen? „Als ich jung war, sah ich den Sonnenuntergang vom Eifelturm aus durch mein Handy. Das Video habe ich leider nicht mehr.“ oder „Als ich jung war, gab es mal Spargel im Garten mit der ganzen Familie. Das sah gut aus. Hier ein Foto von meinem Teller damals.“ Statt Feuerzeugen sehen wir heute Displays von Smartphones auf Konzerten flackern.

Was wir verlieren ist die Atmosphäre, die das Glücksgefühl in uns auslöst. Anstatt den Moment zu beherzigen, greifen wir zu unserem Smartphone und verpassen den eigentlichen Augenblick und das Drumherum, das es so schön und lebendig macht. Doch das Reproduzierte birgt den Verfall der Aura der Naturerscheinung, den Walter Benjamin 1935 schon in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ manifestierte.
So schön praktisch es auch sein kann, alles schnell und einfach digital festzuhalten - Analog bereichert langfristig und birgt den wahren Dialog.

©Merle Collet

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