Ich sehe was, was du nicht siehst. / by Philipp Haeberlin

Wenn ich diese Geschichte erzähle, strömt Wärme in mir auf, die sich durch rote Flecken in meinem Gesicht abzeichnet. Die merke ich. Es kribbelt dann ganz leicht auf meinen Wangen.


Ich möchte mich mitteilen, eine Erfahrung mitteilen, die prekär und in meinem Alltag allgegenwärtig ist. Es als Kopfkino zu bezeichnen, wäre nicht im Ansatz die richtige Bezeichnung, denn es gleicht eher einem ganzen Filmfestival mit gleichzeitig stattfindender Varietéshow. Ich nasche von ihr wie von einem selbst gebackenen, noch warmen Pflaumenkuchen mit frischer Schlagsahne.


Ich bin seit sieben Jahren blind. Seit meinem 13. Lebensjahr. Eine schleichende, unentdeckte Entzündung meiner Netzhäute wurde mir zum Verhängnis. Es ist genau zu dem Zeitpunkt passiert, als ich dachte, es würde jetzt erst richtig spannend in meinem noch so jungen Leben. Statt pubertärer Unabhängigkeit, war da plötzlich eine ganzheitliche Betreuung meiner Eltern. Statt Bolzplätzen und Mittelstufenpartys besuchte ich Schulungen und Seminare, um mich in der neuen, dunklen Welt zurecht zu finden. Zwangsläufig führt das zu Einsamkeit. Man weiß, dass die Mitschüler es nicht absichtlich machen. Nein, sie geben sich sogar Mühe, den Behinderten immer wieder zu integrieren. Aber, wenn man die Möglichkeit hat zu sprinten, dann wartet man nicht auf den Blinden mit dem Krückstock. Wenn es auch ohne den Schwächsten in der Gruppe funktioniert, dann positioniert man sich neu und gründet eben neue Gruppen.


Ich hatte Angst, aber ich hatte auch meinen Stock, meine sechs Sinne und meine Phantasie. Und die Erinnerungen an Farben und Orte. Aber die verschwammen mit der Zeit so wie es Urlaubserinnerungen tun. Also musste ich das inhalieren und vergegenwärtigen, was ich sonst wahrnehmen konnte. Riechen, fühlen, hören, schmecken. So entstand Schritt für Schritt eine neue facettenreiche Welt - eine neue Manege mit vielen Attraktionen. Abends brach diese trotzdem oftmals zusammen. Ruckartig. Wenn ich nur die Matratze, das Laken und die Daunendecke spürte und tief im Inneren die einsame schwarze Welt an meinem Ego kratzte. Es war ein sehr lautes Kratzen, das alles andere übertönte. Und jeder Sinn erübrigte sich in endloser Schwärze.
Gegen diese Schwärze versuchte ich immer wieder anzukämpfen. Meiner Familie, aber vor allem auch mir zu Liebe. Und ich bin froh, dass ich tapfer entgegen des Selbstmitleids schwamm, nicht darin unterging und mir immer wieder kleine Rettungsringe bastelte.
Das schöne war, dass ich jetzt Strom sparte. Ich brauchte keine Glühbirne mehr, sondern vielmehr meine Erinnerung und viel Vertrauen.
Ich mochte es neue Türen zu öffnen, aber ebenso alte zu schließen. Mir begegneten unzählige Dinge, die ich für mich kultivieren konnte und so versah ich beispielsweise auf eigene Faust alle Haushaltsgegenstände mit Blindenschrift. So konnte ich mir meinen Kaffee morgens selber kochen, zum richtigen Messer greifen, um mein Brötchen aufzuschneiden und mein Ei im Eierkocher exakt pflaumenweich werden lassen. Im übertragenen Sinne kann ich sagen, dass mir der kleine Orientierungspunkt auf der „5“ einer Fernbedienung nicht genügte, ich wollte alle Tasten markieren und benutzen. Meine Familie und die zwei Freunde, die mir blieben, machten sich zwischenzeitig Sorgen um mich, dachten an falschen Enthusiasmus und warteten schon auf meinen völligen Zusammenbruch. Glücklicherweise musste ich sie damit enttäuschen.
Man konnte meine Neugier durchaus falsch verstehen, aber für mich war sie die beste Therapie. Ich hatte eine Statik geschaffen, die dem komplizierten, schwarzen Fundament meiner kleinen Welt trotzte.

Nachdem ich dann siebzehn geworden war, wurden die schwarzen Momente vor dem Einschlafen wieder häufiger. Meine Gedankenkreise hinderten mich daran, sorglos einschlafen zu können. Diese devote Phase begann, als Wörter wie Liebe, Beziehung, das erstes Mal… den Wortschatz des Klassenzimmers prägten. Und meine abendlichen Gedanken fixierten immer mehr die Frage, ob ich jemals ein erstes Mal erleben würde, beziehungsweise wie es jemals dazu kommen sollte. Meine Hand hatte ich ehrlich gesagt satt. Pornos konnte ich nicht gucken, aber sie interessierten mich auch nicht. Immer mal wieder erwog ich, mir ein erotisches Hörspiel runterzuladen, fand die Vorstellung es zu hören dann jedoch unglaublich peinlich. Mein Wunsch mit einer Frau zu schlafen, wurde dabei immer größer. Wollte ich doch immer das machen, was alle anderen in meinem Alter so machten. Zwar ohne Augen, aber mithilfe kleiner Zaubertricks. Das, was mir bisher im Alltag gelang, musste doch auch hier möglich sein. Bestimmt würde es sich irgendwann ergeben, aber ich wollte nicht warten. Also setzte ich mich an meinen Computer und gab „Callgirl“ und „Escort-Service“ in die Suchleiste meines Browsers ein. Meine Hörfunktion sabbelte mir währenddessen unangenehmste Beschreibungen vor, die nicht im Ansatz meinen Vorstellungen entsprachen. Mir war bewusst, dass die Dame, mit der ich mein erstes Mal erleben würde, dies nicht aus Nächstenliebe machen würde, sondern, weil ich sie dafür bezahlte.
Nach unzähligen Einträgen fand ich dann „Sam“- Selbstständig, sicher und sorgenfrei“. So viel seriöse Alliteration kennt man sonst nur aus der Werbung für Bausparverträge, dachte ich. Aber irgendwie überzeugte sie mich. Vielleicht auch, weil sich beim Öffnen der Seite nicht gleich zehn Popup-Fenster mit primitiven Gestönte öffneten. Ich war plötzlich aufgeregt und entschloss mich ihr zu schreiben.
Trotz allem war es wichtig, dass Sam mich nicht für einen üblichen „Freier“ hielt. Ich schrieb ihr also eine knappe, detaillierte Zusammenfassung meines Daseins und formulierte fast schon rechtfertigend meinen Wunsch und die Rolle, die sie darin übernehmen sollte. Am Ende unterschrieb ich erst mit „Der Blindfisch“, entschied mich aber dann doch für meinen richtigen Namen: Lennart. Dann schickte ich die Mail ab. Aufgeregt. Ich sah vor meinem inneren Auge plötzlich Lichter aufflackern. Etwas Neues!

Jeden Morgen, Mittag und Abend kontrollierte ich meine Emails. Nach drei Tagen dann die Antwort: „Lieber Lennart, ich helfe dir gerne. Komm am Samstag um 20:00 Uhr zu mir in den Zirkusweg 3. Dritte Klingel von oben. Und schreib kurz, ob es dir passt. Viele Grüße, Sam“
„Samstag schon“ - mein erster Gedanke. Irgendwie überkam mich Freude, doch zugleich auch große Anspannung. Irgendwie auch Stolz, aber auch Angst. Ich erzählte es Niemandem. War ich letztendlich doch ein Kunde, der für Befriedigung bezahlte. Ich bestätigte ihr den „Termin“.

Samstag, der 4. Oktober. Mein Stock krazte in Halbkreisen über den Bordstein des Zirkusweg. Langsam. So langsam, dass ich anscheinend orientierungslos wirkte und ein Herr mir seine Hilfe anbot. Ich nahm sie an und er setzte mich vor der Hausnummer 3 ab. Ich dachte an die dritte Klingel von oben und ertastete sie sofort. Länglich und abgenutzt rau. Ich hielt kurz inne, drückte sie dann vor Aufregung gleich zweimal. Aus der Gegensprechanlage entgegnete mir ein blechernes „Ja? Lennart, bist du‘s?“ „Ja. Hi!“ „Warte kurz, ich hole dich ab!“ - Sofort konnte ich eilige Schritte im Treppenhaus vernehmen. Und dann öffnete Sie die Tür. Die Stimme, die eben noch so blechern klang, war plötzlich ganz samtig und weich. Ich schätzte sie auf Anfang Vierzig. „Hallo Lennart.“ „Mmmhm.“.

Sie nahm mir meinen Stock ab und nahm meine linke Hand fest in ihre. Sie führte mich ganz fürsorglich eine rundgeführte Treppe hoch. Die Stufen fühlten sich sehr schmal an. Dann ging es direkt in ihre Wohnung. Teppichboden hemmte unsere Schritte. Eine Tür fiel ins Schloss. Dann war es ruhig. Sam war ruhig und ich bemühte mich ebenfalls ruhig zu sein. Sie setzte mich auf dem Bett ab und ich glaube, ich muss wie ein rechtwinkliger Stock dagesessen haben. Mein Herz klopfte so aufgeregt, dass es sich dabei fast überschlug.
Plötzlich übertönte das Klopfen etwas, das wie ein auf den Boden fallendes Kleidungsstück klang. Das war es auch. Denn plötzlich griff sie meine Hände und legte sie an ihren Busen. Rund, weich, fest. Ich dachte an Vanillepudding aus meiner Kindheit, in dem der Löffel stehen blieb, wenn man ihn rein steckte und losließ. Die perfekte Konsistenz. Sie entkleidete mich. Auch hier mit einer Fürsorge, die ich so nie erlebt hatte. Ich spürte, wie nah sie mir plötzlich war. Ihr warmer Atem verursachte Gänsehaut in meinem Nacken. Dann legte sie uns hin. Nebeneinander und sagte, ich solle sie berühren. Zögerlich fing ich an sie zu entdecken und ertastete als erstes ihr langes, dickes Haar. Leichte Locken konnte ich vernehmen. Meine Hände tasteten jungfräulich weiter und dann begann sie mich zu streicheln. Überall. Es passierte alles sehr schnell. So spürte ich ihr Becken auf meinem - ihren weichen Po auf meinen Beckenknochen. Ganz plötzlich flackerten immer mehr Bilder vor meinem inneren Auge auf. Das Filmfestival mit Varieté-Show! Eines nach dem anderen. Dann parallel. Bilder, die ich vorher wohl nie gesehen habe. Es fühlte sich so schnell in meinem sonst so langsamen Leben an.
Der Akt an sich war nicht lang, aber das intensivste, das ich bisher erlebt habe. Wenn in der Kürze die Würze liegt, dann kann ich hier von einem indischen Gewürzmarkt sprechen. Dem größten Indiens.
Im Anschluss legte sie sich neben mich. Ich grinste und versuchte sie „anzusehen.“ Im selben Moment legte sie ihren Kopf mit ihren vielen duftenden, weichen Haaren auf meine Brust. Das hatte ich nicht erwartet. Und sie sagte, dass sie es schön fand. Wir unterhielten uns plötzlich so rege über viele Kleinigkeiten und wieder löste sie in mir ein Bilderbuch aus. Sie war so schön. Ihre Stimme war so schön. Und die Geschichten, die sie erzählte. Ich fühlte mich so leicht.
Am Ende meines Besuchs war der Tag einige Stunden ärmer und ich um eine gewaltige Leichtigkeit reicher. Ein Geschenk. Wir hatten uns immer wieder geliebt. Eine starke, bezaubernde Frau, die so samtig und so reif war.
Mich am Türrahmen festhaltend, suchte ich das Geld in meiner Jackentasche. Als ich es in meiner offenen Hand hielt und sie um ihre bat, um es dort hinein legen zu können, drückte sie meine Hand samt des Geldes wieder zu und bedankte sich. Sie wolle dafür nicht bezahlt werden. Sie fänd es schöner mich wiederzusehen. Sie entschuldigte sich noch, während sie „Wiederzusehen“ aussprach für ihre Wortwahl. Sofort unterbrach ich sie und sagte, dass diese vollkommen richtig sei. Dann flüsterte ich:
"Ich kann dich sehen!"