Lange Beine - Ein halber Tag ohne Lügen / by Philipp Haeberlin

Ich stehe auf und mache mir meinen Morgenkaffee. Aus dem Nachbarzimmer werde ich wie jeden Morgen gefragt, ob ich Lust habe meinem Mann ebenfalls einen zu machen. „Nein! Keine Lust.“ Ich gehe ins Bad. Er steht da und frisiert sich seine Haare, fragt mich, ob sie so gut aussehen. Hat er doch heute einen wichtigen Termin. „Nee, eigentlich nicht, denn sie sind dünn und du wirst bald eine Glatze kriegen und die Hose passt im Übrigen auch nicht zum Hemd.“ Ich gebe ihm einen Kuss und verlasse das Haus. Auf dem Weg zur Arbeit fragt mich ein Obdachloser, ob ich etwas Kleingeld übrig hätte. „Ja, habe ich, aber ich möchte es dir nicht geben, da du etwa nur 10 Jahre älter, fit und somit noch voll arbeitsfähig bist. Das Problem liegt darin, dass du zu faul bist, morgens früh aufzustehen und da ich mich auch jeden Tag überwinde, kannst du das ebenso tun. Also: Nein!“ In der U-Bahn werde ich gefragt, ob ich eine Zeitung kaufe. „Nein danke. Sie interessiert mich einfach nicht und außerdem riechst du so unangenehm, dass ich Angst habe, mich mit irgendwas anzustecken, sobald ich eine der Zeitungen in den Händen halte.“ An der nächsten Haltestelle steigt ein Junge mit Saxophon und Kassettenrekorder zu, trällert mir viel zu laut und schief ins Ohr. Ohne Saxophon wäre es deutlich besser. Anschließend hält er mir einen Becher mit der Aufforderung einer Spende unter die Nase. Ich schüttel den Kopf und sage ihm: „Du spielst jeden Morgen das gleiche und dann auch noch falsch. Außerdem kann ich ebenso meinen Kassettenrekorder rausholen. Welches Talent also soll ich honorieren?!“ Als ich im Büro ankomme, begegnet mir meine Kollegin mit neuer Frisur und schwenkt, voller Erwarten auf das Kompliment, mit ihrem Kopf wie ein Wackeldackel. „Ah ja. Ich soll etwas zu deiner neuen Frisur sagen! Du warst beim Friseur! Der neue Haarschnitt steht dir nicht. Passt aber wiederum zu deiner Brille, die ebenso ungeeignet ist. Aber das größte Problem sind deine Augenbrauen, die völlig falsch gezupft und dadurch viel zu weit aus einander liegen.“ Ich widme mich dem Kaffeevollautomaten. Melanie, die Empfangsdame nähert sich derweil. Sie ist wie immer emotional und wehleidig. Wieder erzählt sie mir, was schlimm ist. Alles. Diesmal unterbreche ich sie jedoch mitten im Satz: „Melanie, du hast immer schlechte Laune und beschwerst dich immer über das Selbe: Dein Leben. Dann kündige doch. Und nimm ab, wenn dich allein schon der morgendliche Blick in den Spiegel deprimiert. Aber ich möchte nicht weiter zuhören, denn es interessiert mich nicht.“ Ich sage, dass es mir nicht leid tut, nehme meinen Kaffee und gehe. Mir kommen drei Kollegen auf dem Flur entgegen, die mir alle einen guten Morgen wünschen und mich im Vorbeigehen fragen, wie mein Wochenende war. Ich bleibe stehen: „Ach wisst ihr was? Es war wirklich furchtbar, ich hatte starken Durchfall, da ich beim Syrer essen war und das scharfe Essen nicht so gut vertragen hab. Ansonsten habe ich meine Wohnung geputzt, weil ich das die letzten zwei Wochen nicht geschafft habe. Sah furchtbar aus.“ Sie gehen weiter Richtung Kaffeemaschine. Ich rufe hinterher, dass sie die Bohnen auffüllen müssen, da ich zu faul dafür war. An meinem Schreibtisch angekommen, klingelt direkt das Telefon. Eine Dame des Verbraucherbundes möchte mich zum Thema Frauenquote befragen. Ob ich eine Minute Zeit hätte. „Nein, habe ich nicht. Außerdem dauert es länger als eine Minute und ich muss dringend meinen Tampon wechseln, denn der zwickt mich schon den ganzen Morgen. Und: sprechen Sie bitte in einer Frequenz, die nicht nur von Fledermäusen und Walen zu verstehen ist. Tschüüüß.“ Ich lege auf und laufe zur Toilette. Mir kommt eine Kollegin von der einzig freien Kabine entgegen. Es stinkt. „Was stinkt das hier so beißend!!! Hatten sie heute Morgen etwa schon Cevapcici?!“

An diesem Punkt habe ich die längsten Beine. Und rote Ohren. Ich schäme mich, bin unglücklich und fühle mich furchtbar. Gleiche ich doch einem asozialen Monster. Gleichzeitig merke ich, wie schlecht gelaunt ich bin. Denn ich trete Menschen nicht nur auf den Schlips, sondern trete auf ihrem Selbstwertgefühl herum. Ich stampfe förmlich. Und ich arbeite gegen meine Erziehung. Denn mir wurden Werte mitgegeben und ich habe gelernt höflich zu sein. Man muss nicht immer die Wahrheit sagen. Und vor allem muss man nicht alles zu ernst nehmen. Kleine Alltagslügen machen glücklich und können kleine Alltagsfreuden bescheren. Was bedeutet schon die subjektive, nebensächliche Wahrheit? Ich mag meine kurzen Beine!

© Merle Collet

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