The Saver / by Philipp Haeberlin

Am anderen Ende der Leitung entgegnet mir eine prägnante Frauenstimme: „Diese Rufnummer ist nicht vergeben.“ Schade. Nicht nur für mich. Es betrifft die gesamte Damenwelt. Die Visitenkarte mit der darauf in American Typewriter gedruckten Telefonnummer auf meinem Schreibtisch ist dennoch nicht wertlos. Sie erinnert mich. Am Wochenende werde ich einen passenden Rahmen dafür finden und das Ganze an meine Wand der kleinen Kostbarkeiten hängen. Wahrscheinlich zwischen das Bild, das mein Freund von mir machte, nachdem ich mir mit dem Käsehobel gute zwei Zentimeter Hand weggeraspelt hatte und mein kleines „Bambi“ - ein 12x12cm großes Ölporträt eines Rehs auf Leinwand, das eher einem Alien gleicht. Kategorie der extra exquisiten, masochistischen Erinnerungen.

Diese Visitenkarte hat diesen Platz verdient. Diesem Mann und der Erinnerung an ihn gebührt dieser Platz.

Auf der Visitenkarte sieht man „The Saver“ - wie er sich selbst titulierte. Unverhüllt. Auf seinen Schultern trägt er eine Frau. Ebenfalls unbekleidet. Betäubt anmutend. Er hält sie, trägt sie, balanciert sie durch einen Knöchelhohen Bach zwischen dunklen Felsen. Ein Bild, das nicht adäquater gewählt sein könnte. Der Penis wurde nachträglich durch eine Schwärzung gekürzt. Warum auch immer. Ich sehe es beim genauen Hinschauen.

„The Saver“, bürgerlicher Name Gordon K.. Ich durfte ihm zu der Zeit begegnen, als man am anderen Ende der Telefonleitung mit einem sanften, aber beiläufigen Ausatmen begrüßt wurde. „The Saver, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“. Britischer Akzent.

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„Ich | Ich möchte Sie erleben. Ich bin Mademoiselle M., wenn Sie ‘The Saver’ sind.“ Ich vernahm ein behutsames Grinsen. Anschließend teilte er mir Zeit und Ort mit. Ein Zimmer in der Vagantenstraße. Passend, wie ich heute weiß.

Eine schwarz lackierte, edle Haustür, daneben eine runde, goldene Klingel, in der Mitte ihr kleiner runder Knopf. Meine Hand spiegelte sich in ihr und zögerte bis sie schließlich drückte. Grelles Läuten. Ich lies los. Tür auf.

Dunkelbraune, gut geföhnte Locken, tiefbraune Augen, hohe Kieferknochen. Schlank groß und ein standhafter Blick. Er bat mich herein. Roter Teppichboden, warme Leuchten an den Wänden. Art déco. Stuck an der Decke, ein langer Flur, am Ende eine geöffnete Flügeltür. Eine Art Salon dahinter. Chaise lounge in Senfgelb, Sessel, bodenlange, geschlossene, beige Vorhänge. Wir saßen und schauten einander an. Im Hintergrund eine ruhige Symphonie von Georges Bizet. Kannte und mochte ich. In seiner Ästhetik ein formvollendeter Liebreiz. Er nahm mich an die Hand. Ich habe ihn erleben dürfen und mich nie wieder so gefeit und begehrt gefühlt.

„The Saver“ ist ein aparter Mann, der sich nicht mit Buchstaben auf Papier beschreiben lässt. Ich kann es nur versuchen, aber das Gefühl ist eine Erfahrung. Kleinste Momente dieses Gefühls ließen sich vielleicht meinen Augen ablesen, wenn ich davon erzähle. Aber ich erzähle nicht davon. Es ist meins. Ich erzähle von ihm. Wieder an den Anfang. „The Saver“ ist ein Geheimnis. Er ist eine durch Gordon K. geschaffene Person, die sich würdevoll an die Frau schmiegt, sich dafür bezahlen lässt, sie darüber hinaus jedoch verehrt. Der Retter. Seine Visitenkarte zu besitzen ist exquisit und doch ein Zufall. Die, die sie bekommen und die Telefonnummer wählen, dürfen ihm auch begegnen. Er selektiert nicht im Nachhinein. Er scheint gelenkt von Leidenschaft und Courage. „Drei Mal die Woche, fünf Mal im Monat. Das ist ein Schicksal, das er nicht bestimmen möchte.“ sagte er beiläufig, nachdem ich ihn circa 30 Minuten zuvor danach gefragt hatte. „Es passiert.“ Er spricht nicht viel und das ist das besondere an diesem Dialog. „Aber es passiert nur einmal. Mit ein und der selben Frau.“ Im Anschluss reicht er einen langen, dünnen Mantel aus weißer Seide. Er trägt den gleichen in grau. Dann verlässt er den Raum und bringt, in der rechten Hand, ein alkoholisches Getränk und, in der linken Hand, einen Zettel in einer schwarzen Kladde. Er bittet um Unterschrift. Darüber der Betrag. Ganz sanftmütig. Beide. Das Einverständnis. Er lebt davon. Von den Frauen und von ihrem Geld. Das ist eine nette Unterstellung meinerseits, denn er darf das. Er ist unsere Rettung und er ist unverbindlich und ein gutes Gefühl, das manchmal nötig ist, wenn man eine Erinnerung braucht, um die Gegenwart zu verdrängen. Er ist wie ein guter Wanderzirkus, den man als Kind irgendwann mal besucht hat und schon während man noch auf der Zuschauertribüne saß, wusste, dass man genau diesen Zirkus nur einmal in seinem Leben sehen wird. Er ist weitergereist. Wahrscheinlich in eine Großstadt. Vielleicht Europa, vielleicht war es auch ein Interkontinentalflug. Er ist gegenwärtig. Die Frau auf der Visitenkarte bin ich.

 

© Merle Collet