Treffen sich zwei. / by Philipp Haeberlin

Ich bestritt meinen ersten Fußmarsch des Tages unter kahlen Bäumen entlang, mit meinen Füßen durch deren goldbraunes Laub schlurfend. Das fördert Kindheitserinnerungen.
Dabei zählte ich unterbewusst die Schritte, die ich bis zu meinem heutigen Ziel benötigte. Und diese steigern sich vorzugsweise dann exponentiell, wenn man sich doch situationsbedingt eigentlich ein lineares Wachstum wünscht, das man damals auch schon im Matheunterricht bevorzugte, wenn es um’s erstellen eines Diagramms ging.

Mein heutiges Ziel war ein Besuch beim Hausarzt. So ein Besuch ist in Ordnung, wenn man eigentlich schon weiß, dass es die üblichen Verspannungen sind, die über die Nackenmuskulatur, auch bekannt als Musculus rectus capitis lateralis, zu diesem unangenehmen Mr. Kopfschmerzky führen. Dennoch gehe ich ungern zum Arzt. Sehr ungern. Und deshalb personifiziere ich meine Wehwehchen, versuche sie nicht zu ernst zu nehmen und entlasse sie auch gerne nach einer fast anonymen Tasse Tee. Bloß nicht bleiben. So sind sie besser unter Kontrolle zu halten und leichter zu vergessen.


Dem Betreten der beeindruckend geschmacklosen Praxis, in der Terracottawände und Eichenlaminat ein Gefühl von Krankheit nur so herbeiwinkten, folgte gleich ein klassisch unpersönliches Empfangstresengespräch:

"Name?"

"Lilith Loth."

"10€ für’s Quartal bekomme ich dann von Ihnen und dann nehmen Sie bitte noch einen kurzen Moment in unserem Wartezimmer Platz, Schwester Daniela wird Sie dann gleich aufrufen."

Wäre aber auch seltsam, würden Sie jeden fragen, wie es ihm geht. Das machen sie nur bei den älteren Damen. Diese hören auch das störende Klackern der Gelnägel auf der Tastatur nicht und verweilen daher etwas länger vor dem Tresen mit Plastiksonnenblume und Plastikgerbara.

Im Wartezimmer angekommen, empfand ich direkt erhöhte Luftfeuchtigkeit. Extreme Transpiration. Feuchtes Niesen und schweres Atmen neben mir, das an einen Wal im Zenit seiner Brunftzeit erinnerte, umzingelten mich fast schon rhythmisch.

Alles in Ordnung bei Ihnen? - dachte ich.

Etwas blass schaute der Herr neben mir nämlich drein. Schien dieser seine Wehwehchen wohl zum Teekränzchen geladen zu haben. Einen Augenblick lang erwiderte sein Blick den meinen.

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“ - fragte ich.

„Ja, ja -“

„Ja?“

„Ja.“

„Ja…“

Meine Hände bloß im Schoß behaltend beobachtete ich eine Dame, die ganz motiviert den bakteriell verseuchten Illustriertenhaufen durchwühlte - die Teeparty für Krankheiten. Ich hatte schon Angst, die Bakterien würden diesen Haufen gleich selbstständig raustragen.

„Bei dir?“ summte er fast.

„Ja, Verspannungen, durch schlechte Körperhaltung, wenig Schlaf, deshalb Kopfschmerzen.“ Ich bin gerne konkret.

„Warum dann ein Arztbesuch?“

„Bitte..!?“

„Na..“

„Na ja, man -“

„Streng genommen brauchst du ja eigentlich nicht mehr zum Arzt zu gehen, wenn du die Diagnose schon kennst. Eigendiagnostik dank Internet? Netdoktor? Da bist du aber gut davon gekommen. Sicher, dass du nicht doch schwanger bist?!“

„-“ Er hatte ja recht!!

Entschuldigend grinste er, sich seines saloppen Vortrags bewusst.

„Sie haben ja recht, aber es sind sicher nur die Verspannungen. Für eventuelle Schwangerschaft fehlen mir Übelkeit, ein schmerzender Busen, empfindliche Brustwarzen und na ja, vielleicht dann der Bauch.“ Ich mochte ihn und seine Aufsässigkeit.

„Bei mir kamen nur Ergebnisse für Prostatakrebs. Wird schon hinkommen.“

„Ach. Na ja, da ich keine Prostata besitze, kenne ich mich leider nur in den Expertenforen für Gebärmutterhalskrebs aus.“

Eine humorvolle Attraktion saß da im Rattanstuhl mit seinen ca. 56 Jahren neben mir. Leicht ergraut und in seiner ganzen Reife. Und ich mit meiner naiven Jugend neben ihm.


„Robert Kanzel, bitte!“ Das war er. Und sein Aufruf war Dank der penetranten Stimme von Gelnagelschwester Daniela kaum zu überhören.

„Viel Glück dann!“

„Danke… mh-“

„Litith!“

Er trotze sich selbst, er lächelte mir zu. Ich ihm ebenso. Mit einem „wird schon“ in Gedanken, entließ ich ihn mit meinem zuversichtlichen Blick durch die Milchglastür.
Und da war doch so was wie ein Funken Angst. Die sah ich ihm nämlich unter seiner halb geöffneten, dunkelblauen Jacke an. Da war sie ganz klein versteckt. Die typische, „zugeschnürte Brust“.
Und augenblicklich überkam mich dieses Interesse an einem Menschen, den ich an einem meiner so verhassten Orte kennenlernte. Würde ich eine Rangliste über die furchtbarsten Orte für’s Gefühl führen, läge das Wartezimmer sicherlich unter den führenden Positionen. Gleich zwischen Kernspintomograf und Dixi Klo. Das Wartezimmer eines Arztes ist nicht nur die Verschwendung meiner kostbaren Lebenszeit, sondern auch die Pforte zu einem Gefühl, dass ich mit der Farbe Aschgraubeige verbinde.

Besonders jetzt, nach dem ich seine Diagnose kenne.

© Merle Collet

http://www.youtube.com/watch?v=56c5h88H4L0